Entwicklung

Glücklicher Mann mit EinDollarBrille, Malawi | © EinDollarBrille

Schon seit meiner Kindheit hat mich die Ungerechtigkeit auf unserer Welt beschäftigt: Warum geht es uns hier in Deutschland so gut, während ein paar Flugstunden entfernt Menschen hungern und an heilbaren Krankheiten sterben? Der einzige Unterschied zwischen ihnen und uns: Sie wurden an einem anderen Ort geboren.

Wir haben uns dieses Glück nicht verdient – es ist uns zugefallen. Aber wir können etwas tun, damit es auch Menschen anderswo gut geht. In seinem Buch „Out ofPoverty“ beantwortet Paul Polak die Frage, warum arme Menschen arm sind: „Weil sie kein Geld haben.“ Arme Menschen wissen meistens genau, was sie bräuchten, damit es ihnen besser geht: Dünger für ihre Felder, Schulbücher für ihre Kinder, ein Moskitonetz gegen Malaria etc. Aber sie haben dafür kein Geld. Sie sind im Teufelskreis der Armut gefangen.

Wenn wir diesen Menschen helfen, die erste Stufe der Entwicklungsleiter zu erklimmen, und ein bisschen mehr zu erwirtschaften als sie zum reinen Überleben benötigen, dann können sie sich fortan selbst weiterentwickeln. Manchmal reicht dafür schon eine Kleinigkeit wie z.B. eine einfache Brille.

Nachdem ich 2006 den Entschluss gefasst hatte, mich aktiv für eine gerechtere Welt zu engagieren, bin ich bei meiner Recherche auf die Organisation „Das Hunger Projekt“ gestoßen, deren durchdachter Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe mir gut gefiel. Dort war ich eines Abends Gast auf einem Vortrag von Rowlands Koatcha, der von seiner Arbeit als Landesdirektor des Hunger Projekts in Malawi erzählte. Ich war so beeindruckt, dass ich mir an diesem Abend vornahm, innerhalb von 10 Jahren ein Entwicklungszentrum für rund 300.000 Euro in Malawi zu finanzieren. Ich wusste nur noch nicht wie.

Die BallonMillion

„Ich kann doch allein nichts verändern.“ Um diese häufige Auffassung zu widerlegen, startetet ich im Juni 2007 die Internetplattform BallonMillion zugunsten der Entwicklungshilfeorganisatin Das Hunger Projekt e.V.

Die Idee: Auf der Website www.ballonmillion.de kann der Besucher einen oder mehrere virtuelle Ballons im Wert von 100 Euro starten. Mit dem Start eines Ballons gebe ich das Versprechen, 100 Euro zu zahlen, wenn das 9.999 andere auch machen. Kommen am Ende 10.000 Ballons zusammen, habe ich mit meinen 100 Euro eine Million Euro gehebelt. Ich kann also mit einem kleinen Betrag etwas sehr Großes bewirken. Ich hatte die Idee entwickelt und Christian Hammer, ein Freund und begnadeter Programmierer, hatte die Website ehrenamtlich programmiert.

Schirmherrin meiner Aktion war die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt. Unterstützung und Zuspruch erhielt ich u.a. vom Bundespräsidenten a.D. Dr. Richard von Weizäcker, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident a.D. Horst Köhler und von zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Am Ende der Aktion stand der Zähler bei über 550.000 Euro. Das war zwar keine Million, aber doch genug Geld für zwei Entwicklungszentren in Malawi und Mosambik. Jedes Zentrum erreicht ca. 30.000 Menschen.

Damit war für mich bewiesen: Auch ich kann etwas Großes bewirken.

Auftaktveranstaltung der Aktion BallonMillion an meiner Schule 2007

Die EinDollarBrille

Weltweit bräuchten 950 Mio. Menschen eine Brille, können sich aber keine leisten oder haben keinen Zugang zu augenoptischer Versorgung. Der Einnahmeausfall dieser Menschen liegt bei rund 270 Mrd. US-Dollar pro Jahr – mehr als die gesamte weltweite Entwicklungshilfe pro Jahr.

Als ich von diesem Problem das erste Mal gelesen habe, dachte ich „Schade, da müsste wohl die WHO, die UN oder eine globale Organisation etwas dagegen tun“. Zufällig sah ich am nächsten Tag im Ein-Euro-Laden Brillen – für nur 1 Euro. Ich dachte „Seltsam, hier im reichen Deutschland gibt es so günstige Brillen und in Afrika oder anderswo haben die Menschen keinen Zugang dazu.“  Ich fing an, mich intensiver mit dem Problem der weltweiten Fehlsichtigkeit zu beschäftigen, Patente zu wälzen, um dann über mehrere Monate in unserer Waschküche eine Brille für Entwicklungsländer zu entwickeln. Dann, nach ein paar Monaten, hatte ich sie in der Hand – die erste EinDollarBrille.

Die EinDollarBrille besteht aus Federstahldraht – der ist sehr leicht und gleichzeitig extrem robust – also optimal geeignet für die oft rauen Umweltbedingungen in Entwicklungsländern. Die Materialkosten für eine Brille betragen rund 1 US-Dollar.

Herstellung

Die EinDollarBrille wird auf einer einfachen Biegemaschine von den Menschen vor Ort hergestellt. Elektrischer Strom ist dafür nicht notwendig. Auf der Biegemaschine können Brillen in unterschiedlichen Größen hergestellt werden: Die gelbe Markierung ist für kleine Brillen, die rote für mittlere und die blaue für Menschen mit großem Augenabstand. Bunte Perlen verleihen der Brille ein hübsches Design.

Die Gläser

Die vorgeschliffenen Kunststoffgläser sind bruch- und kratzfest. Das Basissortiment besteht aus verschiedenen Stärken von –10,0 bis +8,0 Dioptrien. Die Gläser können mit einem Handgriff in den Rahmen eingeklickt werden.

Hilfe vor Ort

Die Menschen auf dem Land sind meist sehr arm und können sich die Fahrt in die Stadt nicht leisten. Deshalb kommt das Team der EinDollarBrille ins Dorf. Die Menschen werden vor Ort getestet und erhalten sofort im Anschluss die passende Brille.

Die Organisation

Nachdem ich die Brille und die Biegemaschine entwickelt und in einem ersten Pilotversuch in Uganda getestet hatte, gründete ich 2012 zusammen mit ein paar KollegInnen aus meiner Schule den EinDollarBrille e.V. Heute arbeiten über 300 Menschen ehrenamtlich in Deutschland, der Schweiz und den USA für die EinDollarBrille. In den derzeit acht Projektländern konnten schon mehr als 200 Arbeitsplätze geschaffen werden. Der EinDollarBrille e.V. Deutschland finanziert Trainingskosten, Biegemaschinen und den Projektaufbau aus Spendengeldern. Ein Teil der Kosten trägt sich bereits aus dem Verkauf der Brillen.

Das Team der EinDollarBrille in Burkina Faso…

… und in Indien. Weltweit gibt es heute Teams in 10 Ländern.

Ausbildung

Weltweit fehlen nach Angabe der WHO mehr als 65.000 augenoptische Fachkräfte. Deshalb bildet der EinDollarBrille e.V. Menschen vor Ort in der Brillenherstellung und als augenoptische Fachkräfte aus. Die Ausbildung zum „Good Vision Technician“ dauert insgesamt ein Jahr. Bereits nach wenigen Tagen sind die Auszubildenden in der Lage, einen einfachen Sehtest sicher durchzuführen und die Brille anzupassen.

Simon

Simon steht für mich sinnbildlich für die Millionen Menschen weltweit, die zu arm sind, um sich eine Brille zu leisten. Ich traf Simon im Jahr 2014 im Rahmen von Dreharbeiten in Malawi. Nach eigener Aussage war er um die 80 Jahre alt. Als wir ihm nach dem Sehtest seine erste Brille aufsetzten, rief er außer sich: „Da – ich sehe die Vögel in dem Baum dort, die habe ich mein Leben lang immer nur gehört!“ Simon wollte diese Brille unbedingt haben, hatte jedoch kein Geld bei sich, um sie zu kaufen. Also schickte er einen seiner Enkel zurück ins Dorf, um Geld zu holen. Etwa eine Stunde später kam der Junge zurückgerannt, eine Hand voll Münzgeld, mit dem Simon seine Brille bezahlen konnte.

Am nächsten Tag besuchten wir Simon unangekündigt in seinem Dorf. Simon saß vor seiner strohgedeckten Lehmhütte – ohne Brille! Wir fragten: „Simon, wo ist deine Brille?“. Simon verschwand in seiner Hütte, man hörte es rascheln. Nach etwa einer Minute kam er wieder heraus, strahlend und mit seiner Brille auf der Nase. Er erklärte uns: „Die Brille brauche ich für die Feldarbeit, die ist viel zu wertvoll, als dass ich sie einfach so tragen würde.“ Er erzählte, dass seine 5 Kinder schon alle gestorben waren, aber einige Enkel habe er noch. Im letzten Jahr konnte er auf dem Feld fast nicht mehr arbeiten, weil er so schlecht sah.

In Malawi lebt die Hälfte der Bevölkerung von umgerechnet 60 Euro – im Jahr. Normalerweise geht etwa zwei Monate vor der nächsten Ernte das Essen aus – man isst dann nur noch einmal am Tag, dann alle zwei Tage, dann gar nichts mehr. Man hungert. Wenn Simon durch seine Fehlsichtigkeit nur jedes zehnte Samenkorn daneben geht, hat er nochmals 10% weniger Nahrung beziehungsweise einen weiteren Monat Hunger. Drei Monate hungern, übersteht ein Achtzigjähriger kaum. Für Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, hängt das Leben oft von Kleinigkeiten wie einer Brille ab.