Bildung

Grünes Klassenzimmer – Schulklasse in Uganda | © Martin Aufmuth

Die wichtigste Voraussetzung, um Armut zu entfliehen, ist Bildung. Das wirksamste Instrument gegen unkontrolliertes Bevölkerungswachstum ist Grundschulbildung für Mädchen. Um Bildungssysteme zu verbessern, sind nicht immer teure Investitionen notwendig. Aus meiner Erfahrung als Lehrer und auch in der Ausbildung bei EinDollarBrille bin ich überzeugt: Mit einfachen Mitteln könnten ganze Bildungssysteme revolutioniert werden. 

Schlüsselerlebnis in Indien

Projektstart der EinDollarBrille in Indien. Ich bin nach Indien gereist, um dort die Ausbildung der ersten GoodVisionTechnicians zu beginnen, die dann später Sehtests durchführen und arme Menschen mit Brillen versorgen sollen. 20 junge Frauen und Männer sitzen schüchtern in Stuhlreihen in unserem Ausbildungszentrum vor mir und warten darauf, dass der Unterricht für sie beginnt. Auch unsere beiden indischen Optometristen, die den Kurs leiten sollen, sind anwesend.

Nach einer feierlichen Begrüßung erzähle ich in ein paar Sätzen von der EinDollarBrille und unseren internationalen Projekten. Die Auszubildenden bekommen ihre Trainingshefte, Schreibhefte und Stifte ausgeteilt.

Nun bitte ich die Anwesenden, ihre Stuhlreihen aufzulösen und sich in Vierergruppen an jeweils einen Gruppentisch zu setzen. Verwirrung und Unruhe breiten sich aus – was möchte der ausländische Gast? Die klassische Sitzordnung sind Stuhlreihen, Unterricht an Gruppentischen hat noch keiner der Anwesenden erlebt.

Nachdem sich das kleine Chaos gelichtet hat und die Grüppchen um die Tische sitzen, passiert das Faszinierende: Ohne dass ich oder einer meiner Trainer sie darum gebeten hätten, fangen unsere Trainees damit an, gemeinsam das Trainingsmanual durchzublättern, über den Inhalt zu diskutieren und sich gegenseitig Dinge zu erklären.

Die Trainees, die in ihrer ganzen Schullaufbahn noch nie eine Gruppenarbeit erlebt haben, verstehen diese intuitiv und beginnen, eigenverantwortlich und aktiv zu lernen. Die beiden Ausbilder agieren fortan nicht als Lehrer, sondern als Tutoren und helfen dort, wo es nötig ist. Nach nur einer Woche sind unsere Trainees in der Lage, einen einfachen Sehtest zuverlässig durchzuführen.

Eigenaktivität beim Training in Indien | © Martin Aufmuth

Unterricht – nicht nur in Entwicklungsländern – läuft fast ausschließlich als Frontalunterricht ab. Schulklassen mit über 200 Schülern sind keine Seltenheit. Da sitzen dann 100 Mitschüler vor einem am Boden, die Luft steht vor Hitze, die Tafel ist so grau und löchrig, dass man kaum etwas lesen kann, und der Lehrer hält einen Vortrag – häufig nicht einmal in der Muttersprache der Schüler, sondern in der Staatssprache wie Englisch oder Französisch. Selbst hoch motivierte Kinder haben unter solchen Bedingungen kaum eine Chance.

Damit Unterricht gelingen kann, braucht es nicht immer viel Geld und neue Schulen. Manchmal hilft es bereits, eine alte Tafel neu mit Tafelfarbe zu streichen. Am wichtigsten jedoch wäre die Umstellung vom Frontalunterricht auf Eigenaktivität der Schüler.

Training – Guidelines

Im Folgenden findet sich eine kompakte Guideline für Lehrer und Trainer, mit deren Hilfe das Lernen auch unter schwierigsten äußeren Bedingungen gelingen kann.

Produktorientiert denken

Um erfolgreich zu sein, muss ein Hersteller produktorientiert denken: „Wie kann ich das Maximum an Qualität und Quantität in einem Minimum an Zeit erreichen?“ Was für ihn zählt, ist das Endprodukt. Aber was ist das Produkt meiner Trainingseinheit als Trainer? Das Produkt ist nicht, ob ich viel geredet habe oder ob ich eine schöne Stunde gemacht habe. Nein – das Produkt ist, wenn meine Schüler den Inhalt gelernt und verstanden haben und ihn anwenden können!

Schüleraktivität

Studien zeigen, dass die Konzentration nachlässt, wenn der Lehrer mehr als 10 Minuten spricht (10 Minuten Reden sind also schon zu viel!). Hinzu kommt, dass viele Ihrer Schüler aufgrund ihres Bildungshintergrunds oder einer anderen Muttersprache Schwierigkeiten haben werden, Sie überhaupt zu verstehen.

Geben Sie also eine sehr kurze Einführung, eine kompakte Information am Anfang, dann lassen Sie Ihre Schüler selbst lernen und lassen Sie sie eine Menge Übungen machen. Seien Sie ein Tutor oder Coach, KEIN Lehrer! Zeiteffizienz: Wenn Sie vor Ihrer Klasse sprechen, ist nur einer aktiv – nämlich Sie. Aber: Wir lernen am besten, wenn wir selbst in Aktion sind. Lassen Sie also die Schüler reden, erklären, zeichnen, selbst Experimente machen. Denken Sie immer daran: Welche Übung, welche Aktivität könnten sie als nächstes machen? Wie kann ich meine Schüler dazu bringen, selbst aktiv zu werden? Wenn 20 Schüler aktiv sind, ist die Wirkung etwa 20 Mal höher, als wenn nur Sie reden.

Trainieren Sie Trainer

Nehmen Sie Schüler aus der Gruppe heraus, damit diese den andern erklären. Sie können auch in ihrer Landessprache sprechen. Je weniger Sie sich vor die Gruppe stellen und je aktiver die Gruppe selbst ist, desto besser ist es. Wenn ein Schüler seinen Mitschülern einen Inhalt erfolgreich erklärt hat, können Sie zudem sicher sein, dass er ihn verstanden hat und nicht mehr vergisst. Sie können einer kleinen Gruppe am Vortag neue Inhalte vermitteln, um sie am nächsten Tag zu präsentieren. Trainieren Sie Trainer.

Seien Sie positiv gegenüber Fehlern

Lassen Sie Ihre Schüler Fehler machen – jeder Fehler ist eine Chance, denn wir können daraus lernen. Das hilft später, nach dem Training, Fehler zu vermeiden.

Überprüfen Sie die Ergebnisse

Erinnern Sie sich an diese Frage Ihrer früheren Lehrer: „Haben das alle verstanden?“ Dann nickte einer von 30 zustimmend – das bedeutete für den Lehrer, dass er weitermachen konnte. Aber wenn man genau hinsieht, zeigt das nur, dass EINER von 30 (wahrscheinlich) verstanden hat und vielleicht hat dieser Schüler den Inhalt schon vorher gekannt. Diese Frage ist dumm und irreführend! Wandeln wir die Frage um in „Wer hat das verstanden?“ Jetzt können Sie genau sehen, wie viele Schüler die Hand heben. Und dann: Bitten Sie diejenigen, die verstanden haben, denen zu helfen, die es noch nicht verstanden haben!

Noch besser als fragen ist ein Test. Machen Sie so viele Tests wie möglich! Sie können Tests machen, wann immer Sie wollen. Nach 10 Minuten. Jeden Tag. Wenn die Antworten richtig sind, wissen Sie, dass Sie erfolgreich waren, und Ihre Schüler wissen, dass sie auch erfolgreich waren. Die Zeit während eines Tests wird hoch effizient genutzt: Jeder gibt sein Bestes. (Ein guter Zeitpunkt für einen Test ist z. B. der Nachmittag, wenn die Konzentration nachlässt.)

Wiederholung

Wiederholen Sie jeden Tag die Inhalte, die am wichtigsten sind.

Schreiben eines eigenen Handbuchs

Verteilen Sie an jeden Schüler ein Handbuch und ein Übungsheft. Die Schüler sollen ihr eigenes Handbuch in ihrer eigenen Sprache in ihr Heft schreiben! Sie können schreiben, zeichnen und malen, auch während des Abends. Dinge, die sie selbst geschaffen haben, werden sie nicht vergessen.

Speed-Lernen

Wir können extrem schnell lernen, wenn es nötig ist. Beispiel: Das Auge. Sie können jeden Begriff erklären – einige Schüler werden zuhören, andere nicht. Ein Zeitverlust. Viel effizienter ist es, wenn man ihnen 10 Minuten Zeit gibt, um jeden Begriff und jede Funktion zu lernen (sie können sich gegenseitig helfen). Machen Sie dann sofort einen Test: Jeder schreibt auf, was er gelernt hat. Anschließend können Sie die Antworten gemeinsam mit Ihren Schülern korrigieren.

Transparenz

Wenn Sie etwas tun, erklären Sie, warum Sie es tun. Sagen Sie Ihren Schülern am Morgen, was Ihr und ihr Ziel für den Tag sein wird.

Seien Sie nicht abstrakt

Wenn Sie einen Inhalt behandeln, sorgen Sie dafür, dass jeder ihn verstehen kann. Machen Sie Experimente, lassen Sie Ihre Schüler experimentieren, zeichnen Sie Bilder, erklären Sie die Dinge so einfach wie möglich. Seien Sie nicht abstrakt – seien Sie praktisch.